How people change...

Also, ich habe wohl einiges nachzuholen, aber ich versuche, mich kurz zu fassen (kann es aber nicht versprechen)...

Gestern war ich mit Judy und ihrem vierjährigen Sohn Ethan zum Mittag bei McDonalds (ja, denn da kann der energiegeladene Ethan ein bisschen spielen und die Großen können sich unterhalten) und es ging um alles Mögliche und sie hat sich noch mal entschuldigt, dass das nicht geklappt hat und dass die Absage so kurzfristig war, aber sie habe selbst gar nicht mehr damit gerechnet, dass ich komme. Aber das ist ja längst Schnee von gestern... Schließlich habe ich sie gefragt, ob es nicht vielleicht in absehbarer Zeit möglich wäre, dass ich doch zu ihnen komme, denn die Renovierungs- und Umräumarbeiten, die dafür verantwortlich gewesen waren, dass ich nicht zu Familie Dill ziehen konnte, seien letztendlich alle nur eine Frage der Zeit. Sie hat gesagt, dass sie sich das sehr wünsche, das aber noch mit ihrem Mann Stewart absprechen müsse, und sie wolle mir auch keine Hoffnungen machen, damit ich nicht enttäuscht werde.

Ich habe vorgeschlagen, dass ich auch mal abends zum Essen bei der Familie zu Hause vorbeischauen könnte, damit Stewart mich auch kennenlernen kann, und wir haben spontan entschlossen, dass ich gleich den Nachmittag mitkommen könnte. Also bin ich kurz noch bei meiner aktuellen Unterkunft (ich vermeide das Wort zu Hause, denn das ist es bei Weitem nicht) vorbeigefahren, um mir etwas anderes anzuziehen, als Bryan auf einmal fragte, ob ich ausziehen will, weil er Judy gesehen hatte, als sie mich abholte, und ich außerdem die Miete noch nicht gezahlt hatte, was ihn stutzig gemacht hat. Ich habe gesagt, dass ich nur für den Nachmittag zu Judy fahren würde, aber er hat weiter nachgehakt, und dann ging alles ziemlich schnell. Ich wollte ihn nicht anlügen, also habe ich zugegeben, dass ich darüber nachgedacht habe, weil ich mich nicht wohl fühle, nicht akzeptiert, dass ich meinem Eindruck nach nur wegen des Geldes hier geduldet werde. Aber ich habe auch betont, dass ich darüber noch nachdenken muss, weil ich noch nicht annähernd sicher bin. Eineinhalb Stunden später hat er schon eine Anzeige bei craigslist reingestellt, die das Zimmer wieder als offen darlegt.

 

Der Tag bei Judy war wirklich nett. Wir haben Rachel, 8 Jahre, vor der Schule aufgesammelt, ich habe mit Ethan im Garten Ball gespielt, nachdem er sich nach anfänglicher Schüchternheit ein wenig für mich erwärmt hatte. Am Anfang hat er mich nicht einmal angesehen ;-) Die beiden Kleinen sind wirklich süß und Judys Mann Stewart, den wir vom Bahnhof abgeholt haben, ist auch sehr sympatisch. Wir sind noch in eine Shopping Mall gegangen und haben fürs Barbecue eingekauft, das wir abends gemacht haben. Wir haben uns viel unterhalten und hatten eine Menge Spaß mit den Lütten. Ich habe mich auf Anhieb wohl gefühlt und hatte auch das Gefühl, dass ich akzeptiert werde. Rachel hat mich zum Abschied ganz fest gedrückt und sich an mich gekuschelt, wie Anne das sonst macht, und ihren Vater angebettelt, dass sie mich mit zur Skytrain-Station bringen kann, und ich musste ihr verprechen, dass ich bald wiederkomme... :)

Vom Bauch her wäre das das perfekte Ersatz-Zuhause für die nächsten Monate: schöne Wohngegend mit tollem Park nebenan, nettes Haus, Garten und eine wahnsinnig nette und aufgeschlossene Familie, die mich auch in ihr Familienleben eingliedern würde. Einziger Nachteil ist die Entfernung zu Downtown Vancouver, denn Coquitlam gehört zu einem der Vororte Vancouvers und ist mit dem Skytrain in etwa eine Stunde von der Innenstadt entfernt. Sollte ich downtown arbeiten, müsste ich morgens und abends je eine Stunde Zeitverlust verbuchen, aber ich glaube, das würde ich in Kauf nehmen. Die Pros überwiegen deutlich :) Ich warte sehr gespannt darauf, was Judy bald zu erzählen hat und hoffe, dass es good news sind. Aber sollte es nicht klappen bei ihrer Familie, dann weiß ich zumindest, dass ich dort immer eine Anlaufstelle habe, wenn es mal eng wird. Judy hat sich wirklich sehr um mich gesorgt und war sehr lieb.

 

Abends habe ich mit Sandra gesprochen. Sie schien meine Situation zu verstehen und meinte, dass es sicher nicht schwierig wäre, einen Ersatz zu finden. Wir haben uns ganz nett unterhalten, bis Bryan nach Hause kam und gleich als Erstes fragte, wann ich denn plane auszuziehen, und erzählte, dass er mit einem deutschen Paar in Verbindung stünde, welchem er zugesagt habe, spätestens am 1. Oktober einziehen zu können. Was soviel heißt wie: "Pack schon mal deine Sachen und verschwinde so schnell wie möglich". Die Genugtuung gönne ich ihm aber nicht, zumal ich die Miete für September ja schon gezahlt habe, und ich ja selbst auch ein wenig Stolz besitze.

Der Kragen geplatzt ist mir dann aber fast, als ich in mein Zimmer kam und feststellen musste, dass er all meine Sachen in den Schrank geworfen hatte und, was am Schlimmsten war und mich zutiefst in meiner Privatsphäre verletzt hat, anscheinend auch an meinem Computer war, denn der war nicht auf Energiesparen gesetzt, wie ich ihn hinterlassen hatte, sondern offensichtlich abgestürzt, da ich beim Hochfahren eine Fehlermeldung erhielt. Ich denke, da sollte ich noch über meinen eigenen Schatten springen und ihn ein wenig zur Schnecke machen. Ich finde, es geht nicht, dass er in mein Zimmer geht und meine Sachen anpackt, nur um vollkommen überstürzt Fotos für eine neue Anzeige zu machen und weil er wütend ist.

Ich fühle mich wahnsinnig unwohl und habe heute auf meinem Fußmarsch nach Downtown alle meine wichtigsten Sachen dabei gehabt: Reisepass, Flugdaten und andere Dokumente, persönliche Briefe, Fotos, Schmuck, Laptop, Kamera... Denn ich habe - in einem Anflug von Paranoia - schon gesehen, dass ich wiederkomme und mein Koffer weg ist (zumal die Türen hier tagsüber teilweise nicht abgeschlossen werden), und Vorsicht ist ja bekanntlich besser als Nachsicht ;-) Irgendwie blöd, aber es zeigt ja nur, wie unsympatisch Bryan mir geworden ist, wie wenig ich ihm vertraue und wie viel ich ihm zutraue.

Ich warte die nächsten Tage ab, halte die Ohren steif und offen für neue Wohnungsanzeigen für den Fall, dass es bei Judy nicht klappen sollte.

 

Heute bin ich, wie gesagt, downtown gegangen, ein Fußmarsch von 45 Minuten zuzüglich etlichen Stopps. Es war herrliches Wetter heute und viele Leute waren in den Parks, haben Baseball gespielt und waren mit Hunden unterwegs. Viel gesehen habe ich noch nicht von Downtown, aber schon mal reingeschnuppert und die nächsten Tage dringe ich dann etwas weiter vor in den Urwald von Wolkenkratzern. Mein erster Eindruck ist sehr angenehm... Morgen gibt es hoffentlich ein neues Fahrrad. Ich schaue mir eines an, das günstig ist und sehr gut aussieht, und hoffe, dass es auch passt. Aber ich habe auch schon gute Erfahrung mit Kinderfahrrädern gemacht, die sich auch sehr gut fahren, wenn auch nicht lange, weil es irgendwann anstrengend wird :)

 

So viel dazu. Abwarten und Tee trinken... Mal sehen, was die Zukunft bringen mag, ich hoffe nur Gutes :)

 

Es grüßt herzlich aus dem schönen Vancouver

 

eine schreibfreudige, aber erschöpfte Kirsche

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Kommentare: 1
  • #1

    Angelika (Sonntag, 19 September 2010 10:22)

    Hi Kirstin,
    da meine letzten Kommentare irgendwie nicht gespeichert wurden, nun nochmal von Neuem. Die Familienfeier war sehr schön, die Messe richtig herzerfrischend, das Essen fantastisch und die Nächte lang. Nun sind wir wieder zu Hause und lesen, wie blöd das beim Wohnen derzeit bei dir läuft. Wir drücken ganz doll die Daumen, dass du mit der nächsten Family mehr Glück hast!! Ist wirklich absolut inakzeptabel, dass der deine Sachen anfasst!!
    Ganz liebe Grüße über den Teich, wir denken an Dich, Gele und Co